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Archiv für den Monat September 2015

Der Autor als Charakter

Nein, damit meine ich nicht physischen Schriftsteller und seine Macken (dazu ist aber ein eigener Blogeintrag geplant!) sondern jene Schreiberlinge, die aus meiner Feder stammen. Denn zumindest die Leute aus meinem Bekanntenkreis, die jedes Jahr während des NaNoWriMos mitbekommen was ich so schreibe, wissen, dass ich hin und wieder auch dem einen oder anderen Autor versuche Leben einzuhauchen.

Im Laufe meines Lebens musste ich feststellen, dass viele „normale“ Menschen (das normal steht in diesem Zusammenhang für nicht-Kunstschaffende) oft nicht verstehen wie Autoren ticken und dass es da durchaus zu Missverständnissen und dergleichen kommen kann. Natürlich ist aber auch Autor nicht gleich Autor und das will ich auch an Hand drei meiner Lieblinge beweisen:

(Anmerkung: jede der Textstellen ist eine Rohfassung, ich sollte meinen Romanen wirklich dringend Überarbeitungszeit widmen)

Name: Gabriel Shaw
Roman: Gedankendiebe
Typ: Einsiedler

Gabriel ist ein ehemaliger Bestsellerautor im Genre der Low Fantasy. Sein Erfolg auf dem Buchmarkt hat sich auch auf sein Bankkonto ausgewirkt und so ist es ihm möglich sich komplett aus seinem alten Leben zurückzuziehen. Statt in der Großstadt lebt er nun zurückgezogen in einem kleinen Haus in einem Dorf, in dem niemand weiß wer er ist und womit er sein Geld verdient hat. Mittlerweile schreibt er nur noch für sich selbst, Angebote der Verlage ignoriert er nicht einmal mehr. Das ist auch der Grund warum ein Gedankendieb auf ihn angesetzt wird, schließlich braucht man nicht zwangsläufig den Autoren wenn man die Geschichte auch so haben kann.

Gabriel lebt zusammen mit dem Kater Aubrey, der ihm aus seiner Ehe geblieben ist. Im Gegensatz zu dem geschniegelten Mann auf dem Autorenfoto ist er meist eher zerzaust, verbringt er seine Zeit doch lieber mit Schreiben als damit Gedanken daran zu verschwenden wie er aussieht. Meistens fällt bei ihm die Wahl eher auf Kaffee als auf Nahrung und auch Aubrey muss hin und wieder sehr lautstark auf seine leere Futterschüsseln aufmerksam machen.

Konflikt/Thematik:
Wie sehr beeinflusst das Handwerk des Schreibens eine Geschichte?
In Furcht vor den Gedankendieben verläuft er sich in seiner eigenen Paranoia und die Welt, in die er sich flüchtet, entstammt aus seiner eigenen Feder.

Während ihr Blick über seinen unordentlichen Schreibtisch glitt, erklärte er ihr, dass er je nach Projekt und Laune ein anderes Getränk hatte, das er sich während des Schreibens literweise zu Gemüte führte. Die Tatsache, dass es sich dabei momentan um auffällig starken Kaffee handelte, erklärte wohl auch das leichte Zittern seiner Hand, das er zu verstecken versuchte als er Kara eine bis zum Rand gefüllte Tasse reichte.

Mit einem kurzen sehnsüchtigen Blick zu seinem Arbeitsplatz und den vielen noch unbeschriebenen Seiten, denen er sich zweifelsfrei lieber gewidmet hätte, ließ er sich neben Kara auf der Couch nieder.

Name: Daniel „Danny“
Roman: Mea Culpa
Typ: Psycho?

Er ist Mitte 30 und ein recht erfolgreicher Schriftsteller im Bereich der Fantasy. Alles läuft gut für ihn, wenn man davon absieht, dass seine Beziehung auf der Kippe steht und auch seine Charaktere nicht mehr machen was er will. Er hat kurz gesagt eine ziemliche Krise.
Er, der immer unzählige Ideen hatte, sieht sich nun nicht mehr im Stande das zu schreiben was er seit Jahren liebt und womit er sein Geld verdient. Einer spontanen Eingebung folgend beschließt er mal etwas „vollkommen Neues“ auszuprobieren. Der Gedanke einmal all das zu schreiben was er sich bisher nicht getraut hat, weil es ihm sein Agent sicherlich mit entsetzten Blicken vor die Füße geworfen hätte. Die Idee für seinen neuen Roman nimmt erste Züge an als er beobachtet wie eine Katze spielerisch eine Meise jagt und tötet.

Tabitha ist Dannys Freundin und seit Jahren an seiner Seite, dadurch sollte sich eigentlich schon an seine Launen gewöhnt haben wenn er wieder vollkommen in einem neuen Projekt versinkt. Doch die Stimmung zwischen den beiden ist eisig.
Als sie die Begeisterung bemerkt, die Danny bei seinem neuen Roman an den Tag legt, hegt sie Hoffnung, dass sich doch alles wieder zum Guten wenden könnte. Doch Dannys  Verhalten  wird immer merkwürdiger. Sie findet u.a. eine ganze Sammlung versteckter Splatter und Gore-Filme, die bei ihm, der bislang eher fantasievoller oder künstlerisch anspruchsvoller Cineast war, verwundern. Als sie ihn nach langem Zögern darauf anspricht winkt er lediglich ab und antwortet mit einem einzigen Wort – „Recherche“
Konflikt/Thematik: Wie weit darf man für Recherche gehen und wie viel künstlerischen Egoismus kann eine Beziehung überleben?

Aus dem Schlafzimmer tönte dezentes Schnarchen und sie runzelte die Stirn. Sie wusste, dass er sich schlafen gelegt hatte als sie morgens das Haus verlassen hatte, doch dass er jetzt immer noch schlief war eher ungewöhnlich. Trotz der unmöglichen Arbeitszeiten, die er sich meistens auferlegte – stundenlanges Schreiben ohne Unterbrechung und literweise Kaffee – so schlief er dennoch relativ wenig.

Für gewöhnlich hielten Menschen diese Strapazen nur wenige Tage aus ehe sie zusammenbrachen und das gesamte Schlafdefizit nachholten, doch für Danny hatte das merkwürdigerweise bisher nie ein Problem dargestellt. Er schien Energie und Erholung aus seinen Geschichten zu ziehen nur um sie auch dann unablässig wieder in diese zu stecken – ein literarisches Perpetuum Mobile.

Name: Blake
Roman: wahnsinnlich
Typ: beziehungsunfähig

Was ihn von den anderen beiden unterscheidet ist, dass Blake keine eigene Perspektive bekommt – er wird lediglich aus der Sicht meiner Protagonistin beschrieben

Blake ist ein sehr obsessiver Schreiber, der sich selbst recht wenig Ruhe gönnt, weswegen sein Agent auch der Meinung ist ihm etwas Gutes tun zu müssen. Dieses Gute stellt sich dann als Escort heraus und dieses Escort wiederum als Succubus Jezebel. Die beiden sind von der ersten Begegnung an auf einer Wellenlänge und sie offenbart ihm sogar was sie ist. Die Faszination ist von diesem Moment an nicht mehr zu brechen und vor allen Dingen beidseitig, bisher hat Jezebels Leben nur aus Sex als Nahrungsmittel bestanden, doch durch ihn lernt sie nun auch Gefühle und Romantik kennen.

Blake tut schließlich was viele Autoren tun und lehnt einen Charakter an Jezebel an, er erzählt ihr nicht viel darüber aber natürlich ist sie neugierig. Schnell findet sie sich aber im Alltag wieder und ihrer Fantasien beraubt – Blake verbringt mehr Zeit mit seinen fiktiven Charakteren als mit ihr. Das erste Mal in ihrem Leben ist sie eifersüchtig, denn mit dem selbst geschriebenen Ideal eines Autors kann kein Mensch mithalten.

Konflikt/Thematik: Ab welchem Punkt wird es bedenklich wie viel Zuneigung man einem fiktiven Charakter zukommen lässt und wie kann/soll der reale Partner damit umgehen?

(…)sie weil sie sich als Succubus keinesfalls auf einen Menschen einlassen sollte und Blake weil Beziehungen für ihn bisher immer nur eine Ablenkung von seiner eigentlichen Liebe dargestellt hatte.
Doch sie hatte nicht vor sich zwischen ihn und das Schreiben zu drängen, ebenso wenig wie er sich ihren sexuellen Gelüsten mit verschiedenen Partnern in den Weg stellen würde.

Sie beide hatten einen Job, der für sie mehr als nur Geld bedeutete. Er war ihr Leben. Ihr Überleben. Sie waren sich so viel ähnlicher als sie es je für möglich gehalten hätte

Wie ist das bei euch so, schreibt ihr verhältnismäßig viele Künstler oder eher nicht?